Der Rosenkranz

 

Liebe Sodalen der Marianischen Männerkongregation von Salzburg!

Wenn ich Ihnen in der Nachfolge meines verstorbenen Kollegen Leopold Prohaszka vom H.H. Erzbischof als Präses zugewiesen worden bin, nachdem ich von Ihrem Präfekten zuerst darum gebeten worden war, so ist mir etwas bange, ob ich Ihren Erwartungen entsprechen kann. Ja, noch mehr, ich bin sogar überzeugt davon, dass ich Ihren Erwartungen, sollten Sie die feingeistige Art, wie sie dem verstorbenen Kollegen eigen war, von mir erwarten, sicher nicht entspreche, zumal ich diese meine erste Ansprache im Anschluss an den gemeinsam gebeteten Rosenkranz gleich ganz schlicht und einfach nur über den Rosenkranz halten möchte.

Ich bin nämlich in meiner naiv gläubigen Art der Überzeugung, die in den schlichten Vers eines unbekannten Dichters gefasst werden kann: "Wer ist ein Mann? Wer beten kann!" Und ich füge hinzu: "Wer ist ein wahrhaft katholischer Mann? - Wer den Rosenkranz recht beten kann!"

Und ich stell' mir dazu einen Julius Raab, einen Leopold Figl vor, wie sie mit dem Rosenkranz in der Hand mitziehen bei der Prozession des Rosenkranzsühnekreuzzuges in Wien; und ich stelle mir P. Rupert Mayr mit seinen Sodalen der Münchener Männerkongregation vor, wie sie mutig mit dem Rosenkranz in der Hand durch die Stadt der Volkserhebung ziehen und ihren Glauben bekennen. Und ich stelle mir mit dem Rosenkranz in der Hand jenen Rechtsanwalt vor, der am kommenden Sonntag, 26.Oktober 1980 von Papst Johannes Paul II. auf dem Petersplatz in Rom seliggesprochen wird: Dr. Bartolo Longo.

Vielleicht haben Sie noch nie von diesem kommenden neuen Seligen gehört. Ich möchte ihn Ihnen, liebe Sodalen, vorstellen.

Vorher aber möchte ich Ihnen einleitend sagen, was in meinen Augen der Rosenkranz ist:

1. Der Rosenkranz besteht nicht bloß aus Perlen, er ist selber insgesamt eine Perle, eine kostbare Perle, auf den sich das Gleichnis Jesu anwenden lässt: "Mit dem Himmelreich ist es wie mit einem Kaufmann, der edle Perlen suchte. Als er eine kostbare Perle gefunden hatte, ging er hin, verkaufte seine ganze Habe und erwarb diese Perle!"

2. Man könnte weiter den Rosenkranz vergleichen mit jenem Schatz, der in einem Acker verborgen lag und den ein Mann gefunden hatte. Man muss nur diesen verborgenen Schatz suchen und zu heben suchen. Dann entdeckt man immer mehr den Wert des Rosenkranzes und die Werte, die er vermitteln kann. Da gibt es ein Gebetbuch, das - zur Ergänzung des offiziellen "Gotteslobs" - der Volksschriftsteller Pfarrer Weigl und der Salvatorianer-Pater Thaddäus Laux zusammen herausgegeben haben mit dem schönen Titel:"Gebetsschatz".

Der Rosenkranz ist auch ein solcher Gebetsschatz, schon einmal deshalb, weil er aus den heiligsten, ehrwürdigsten, inhaltsreichsten Gebeten zusammengesetzt ist: Kreuzzeichen, Glaubensbekenntnis, Ehre sei…, Vater unser, Ave Maria. Wer sie richtig zu beten versteht, ist schon auf dem rechten Weg, der zu immer stärkerem und festerem und tieferem Glauben führt.

Freilich muss immer bedacht werden, dass der Rosenkranz kein bloßes Lippengebet sein darf, bei dem halt diese höchst sinnvollen Gebete, aus denen er zusammengesetzt ist, der Reihe nach in ständiger Wiederholung heruntergesprochen oder gar heruntergeleiert werden. Es geht beim Rosenkranz vor allem um ein betrachtendes Gebet und die dabei gesprochenen Gebetsformeln, vor allem das 50fach wiederholte Ave Maria, dürfen nur die Begleitmelodie sein für die Betrachtung der Rosenkranzgeheimnisse. Da gehen einem dann die allerwichtigsten Glaubensgeheimnisse, immer mehr auf, wie sie uns im Zusammenhang mit dem Leben, Leiden, Sterben und Auferstehen Jesu Christi nahegebracht werden.

Der Rosenkranz, wenn er richtig, besinnlich, betrachtend gebetet wird, stellt uns tatsächlich in den Lebensraum der wichtigsten Glaubenswahrheiten und der tiefsten Heilsgeheimnisse hinein und ist dabei dann - ich wage es zu behaupten - mehr als der beste Katechismus eine wirkliche Schule des Glaubens. Denn er lässt uns nachdenken über die Existenz, die Eigenschaften und das Wesen des dreipersönlichen Gottes, er lässt uns nachsinnen über das wunderbare Christusgeheimnis von der Menschwerdung des Gottessohnes im jungfräulichen Mutterschoß Mariens angefangen bis hin zu seinem Erlöserleiden und seiner Erhöhung in Auferstehung und Himmelfahrt; der Rosenkranz lässt uns auch die jungfräuliche Gottesmutter Maria immer besser kennenlernen von ihrer Anfangsbegnadigung in der Unbefleckten Empfängnis angefangen bis hin zu ihrer Mithilfe im Erlösungswerk und bis zu ihrer Endbegnadigung in der Aufnahme in den Himmel und in ihrer Krönung zur Königin des Himmels und der Erde. Auch über die strahlend großen, herrlichen Geistwesen, die wir Engel nennen, wird uns im Rosenkranz so viel beigebracht, spielen doch die heiligen Engel fast bei jedem Rosenkranzgeheimnis eine bedeutsame Rolle, angefangen von der Verkündigung des Erzengels Gabriel im 1. Geheimnis des freudenreichen Rosenkranzes bis hin zum letzten Geheimnis des glorreichen Rosenkranzes, wo es um die Krönung Mariens zur Königin des Himmels und der Erde, auch zur Königin der Engel geht.

Auch jene Glaubenswahrheiten, die wir die endzeitlichen Ereignisse oder die Letzten Dinge des Menschen nennen, werden uns im Rosenkranz beigebracht: Tod, Gericht und ewige Vergeltung. Wir brauchen uns ja nur daran erinnern, dass alles im Christusereignis von der Menschwerdung des Gottessohnes bis zu seiner Wiederkunft zum Gericht "unsertwegen und um unseres Heiles wegen" geschehen ist, wie es uns gezeigt wird bei den einzelnen Geheimnissen des freudenreichen, schmerzhaften und glorreichen Rosenkranzes.

Wer den Rosenkranz recht zu beten gelernt hat im Lauf der Zeit, nämlich besinnlich und betrachtend, bald auf die Worte achtend, die hier gesprochen werden, bald auf die Geheimnisse lauschend, die in den einzelnen Rosenkranzgesätzchen gewissermaßen eingehämmert werden, der wird dabei unwillkürlich in seinem Glauben bestärkt und darin vertieft. Es darf nur nicht dabei um ein sinnentleertes Lippengebet gehen, sondern - wie gesagt - vor allem um ein betrachtendes Gebet, das immer mehr zum Herzensgebet wird, wo das Herz zum Herzen spricht. Dann erfüllt sich immer mehr jene Bitte, die gleich am Anfang des Rosenkranzes im ersten Ave Maria ausgesprochen wird: Jesus, der in uns den Glauben vermehre!

Noch etwas sei zum Rosenkranz als Schule des Glaubens gesagt: Wie man nämlich am ordentlich, besinnlich und schön gemachten Kreuzzeichen den wirklich gläubigen katholischen Christen erkennen kann, so könnte und sollte man ihn auch am Rosenkranz erkennen. Der Rosenkranz könnte wirklich zu einem Erkennungszeichen des wahrhaft glaubenden Katholiken werden, wie es sich vor ein paar Jahren beim Deutschen Katholikentag in Fulda herausgestellt hat:

Damals gab es unter den verschiedenen Arbeitsgemeinschaften, wie sie bei den Deutschen Katholikentagen immer gebildet werden, unter den Teilnehmern auch eine Arbeitsgemeinschaft über das Thema "Krankheit und Tod". Ein Arzt erklärte in dieser Arbeitsgemeinschaft, dass bei Unfallpatienten, die bei einem Verkehrsunfall ohne Ausweis angetroffen werden, zwar keine Verzögerung der ärztlichen Hilfe eintrete, das sei ja selbstverständlich, aber er, der Arzt, sei dann immer im Gewissen beunruhigt, wenn sich die Religionszugehörigkeit des eingelieferten Patienten nicht feststellen lasse, damit man ihm gleichzeitig auch geistlichen Beistand verschaffen könne. Er, der Arzt, schlage vor, sich überall dafür einzusetzen, dass Katholiken bei ihrem Personalausweis auch eine Erklärung mit dabei haben sollten: "Wenn mir etwas zustößt, möge man mir bitte einen katholischen Priester rufen!" In der Debatte, die sich an diesen Vorschlag des Arztes in der Arbeitsgemeinschaft des Katholikentages anschloss, stand plötzlich ein Mann aus der DDR auf und sagte: "Muss denn der Nachweis der Religionszugehörigkeit immer auf Papier stehen? Ginge es nicht auch mit dem da?" Alles schaute auf ihn, als er aus seiner Hosentasche einen Rosenkranz herauszog. Und alle Anwesenden, Ärzte, Krankenschwestern, Priester in dieser Arbeitsgemeinschaft waren überzeugt, dass es gar wohl auch "mit dem da" ginge und dass manche Sorge um die unsterbliche Seele des Verunglückten beseitigt wäre, wenn auf Grund dieses Indizienbeweises einem Bewusstlosen ein Priester gerufen würde, damit er ihm noch die Absolution, die Krankensalbung und den Sterbeablass spende. Ja, der Rosenkranz schon rein äußerlich ein Erkennungszeichen dafür, dass sein Besitzer den katholischen Glauben bekannt hat. Wie viel mehr ist der immer andächtig, besinnlich gebetete Rosenkranz ein Erkennungszeichen in den Augen dessen, der gesagt hat: Wer Mich vor den Menschen bekennt, den werde ich vor Meinem Vater bekennen, der im Himmel ist!" Bei seinem gewaltigen Gemälde vom Jüngsten Gericht in der Sixtinischen Kapelle des Vatikans hat der große, tief gläubige Künstler Michelangelo auch einen armen Sünder dargestellt, der an einem Rosenkranz zu den für ewig Geretteten hinaufgezogen und vor dem Absturz in die ewige Verdammnis bewahrt wird. Schule des Glaubens, Kennzeichen des Glaubens, Rettungsmittel des Glaubenden könnte der Rosenkranz sein. Und wenn Christus uns an das kleinwinzige, unscheinbare Senfkörnlein erinnert und sagt: Wenn unser Glaube wenigstens so groß wäre wie ein Senfkörnlein, wir könnten dann Wunderbares erreichen, so gilt auch: Wenn unser Glaube durch das unscheinbare, kleine, vielfach verachtete und geschmähte Rosenkranzgebet wachsen und reifen würde, wir könnten an ihm und durch ihn Wunderbares erleben und erreichen. Auf jeden Fall würde durch das Rosenkranzgebet das erreicht, worum die Apostel im heutigen Evangelium den Herrn gebeten haben: Vermehrung und Stärkung des Glaubens. Amen.