30.5.1992

MARIA als VERMITTLERIN ALLER GNADEN,

auch der Gnade des Priesterberufes

 

Immer wieder war in den Maiandachten dieses Jahres hier in der Kollegienkirche vom Priesterberuf die Rede im Anschluss an das Apostolische Schreiben "Pastores dabo vobis" (Ich werde euch Hirten geben). In diesem ganz wichtigen Lehrschreiben, das kurz vor Ostern erschienen ist, und das über die rechte Priesterausbildung handelt, erinnert der Hl. Vater im Schlussteil daran, wer aller mithelfen sollte, dem Priestermangel unserer Zeit abzuhelfen und dem Volk Gottes wieder in hinreichender Zahl gute, gründlich ausgebildete, fromme, seeleneifrige Priester zu vermitteln.

1. Der Papst ruft da zu allererst die Familien auf: Christliche Familien könnten und sollten nämlich, wie man zu Recht behauptet hat, das erste Priesterseminar sein, in welchem der Priesterberuf grundgelegt wird und dann heranreift.

2. Der Papst erinnert dann besonders die Mütter daran, mitzuhelfen, dass der Priesterberuf, wenn er in einem Sohn der Familie erwacht ist, nicht erstickt werden darf, sondern großmütig in wahrhaft mütterlicher Liebe gefördert werden soll.

3. Der Papst erinnert dann vor allem noch die jungen Menschen daran, sie sollten den Ruf Gottes, wenn er als Einladung zum Priester- oder Ordensberuf an sie ergehen sollte, ihn nicht zu überhören im Lärm der Welt.

4. Der Papst erinnert dann ganz besonders auch die Priester daran, sie sollten durch Wort und Tat und Vorbild junge Menschen für den Priesterberuf begeistern, den Berufenen beistehen und helfen, das große Ziel zu erreichen.

 

Ich möchte nun in dieser letzten Maiandacht daran erinnern, wie vor allem auch die beste Mutter, Maria, die Vermittlerin aller Gnaden, in diesem wichtigen Anliegen eingespannt und daran erinnert werden soll, uns durch ihre mächtige Fürbitte am Throne Gottes viele gute Priester zu vermitteln.

 

MARIA UND DER PRIESTERBERUF

Der Herr Erzbischof hat in seiner Predigt bei der Maiandacht am vergangenen Mittwoch dieses Thema mit biblischen Überlegungen erörtert.

Ich möchte es nun tun mit hagiographischen Überlegungen. Ich habe mir in den letzten Jahren die Hagiographie, die Kunde von den Heiligen, als Forschungsgebiet gewählt und darüber manche gut angekommene Bücher publiziert, so über eucharistische Heilige ("Das Allerheiligste und die Heiligen"), über trinitarische Heilige ("Ergriffen vom Dreieinigen Gott") und marianische Heilige ("Geführt von Maria"); zuletzt brachte ich noch zwei Bände über "Die neuen Heiligen der katholischen Kirche" heraus.

Beim Verfassen dieser Bücher ist mir immer mehr aufgegangen, dass die Heiligen die glaubwürdigsten und wahrhaft authentischen Zeugen des wahren Glaubens sind, weil sie ihn auch vorbildlich gelebt haben. Es ist mir auch immer mehr aufgegangen, vor allem beim Verfassen des Buches "Geführt von Maria", dass es eigentlich keinen Heiligen gibt, der nicht durch Maria, die Vermittlerin aller Gnaden zur Heiligkeit herangereift ist. Und nun stelle ich noch weiter fest, dass es wohl auch keinen Priester gibt, der nicht - direkt oder wenigstens indirekt - durch Mariens Gnadenvermittlung zum Priesterberuf gekommen ist; ja, ich bin immer mehr zur Überzeugung gekommen, dass hinter gar jedem Priesterberuf - sowohl bei der Weckung der Berufsgnade, als auch bei ihrer Entfaltung im Lauf der Ausbildungszeit, Maria, die gute Mutter der Priester steht und dass kein Priester dem Beruf voll und ganz -und überzeugend für die Mitmenschen treu bleiben kann, wenn er nicht marianisch gesinnt ist. Man könnte das sehr konkret am Beispiel vieler heiliger Priester aufzeigen. Eine ganze Reihe von solchen Priestern werden geschildert in meinem Buch "Geführt von Maria".

Ich möchte jetzt nur kurz an zwei deutschsprachige Priester erinnern, die Papst Johannes Paul II. in diesen letzten Jahren zur Ehre der Altäre erhoben und seliggesprochen hat: P. Rupert Mayer und Adolf Kolping.

 

1. Vom seligen P. Rupert Mayer, dem tapferen, erfolgreichen Präses der Marianischen Männerkongregation in München in der Zeit des kirchen- und glaubensfeindlichen Nationalsozialismus kann mit Recht behauptet werden, dass er von seiner Familie her marianisch geprägt war: Er er erblickte am 23. Januar 1876 in Stuttgart als zweites von sechs Kinder des Kaufmanns Rupert Mayer und dessen Gemahlin Emilie das Licht der Welt. Im Gegensatz zur gläubig frommen, treu kirchlichen Atmosphäre in der Familie Mayer, zu der selbstverständlich eifrige Marienverehrung dazu gehörte, war damals in der württembergischen Landeshauptstadt Stuttgart noch ein scharf antikatholischer und antikirchlicher und selbstverständlich auch antimarianischer Geist lebendig: Der junge Rupert konnte damals nur durch die gläubig fromme katholische Familie, in die er hineingeboren wurde und zu der, wie gesagt, eifrige Marienverehrung dazugehörte, die Stürme der Jugend rein und froh durchleben. In Ravensburg, im katholischen schwäbischen Unterland Württembergs, wohin der Vater den Jungen ans Gymnasium schickte, wurde dann in Rupert Mayr im Schatten der ergreifenden Schutzmantelmadonna in der Stadtpfarrkirche von Ravensburg dann auch der Priesterberuf geweckt. Mit dem ständigen Blick auf das in Maria gegebene Leitbild wurde Rupert Mayer Priester und dann Jesuit und 1921 der große, mutige Präses der Marianischen Männerkongregation, der sich mit staunenswertem Erfolg darum bemühte, den Männern zu einem vertieften Marienverständnis sowie zur täglich geübten Marienverehrung und zur marianischen Mitverantwortung und Mitsorge für das Reich Gottes zu verhelfen. Ergreifende Sätze aus den Predigten des seligen P. Rupert Mayer könnte man zitieren, die zeigen, wie dieser Priester überzeugt war von der Gnadenvermittlung durch Maria.

 

2. Der selige Adolf Kolping : Er wurde ganz providentiell am Fest der unbefleckt empfangenen Gottesmutter, am 8.Dezember 1813 in Kerpen, einer Kleinstadt zwischen Köln und Düren, als viertes von 5 Kindern geboren. Der Vater; von Beruf Schäfer und Kleinlandwirt, konnte seine Familie nur mit Mühe ernähren. Wie bescheiden und einfach es in seinem Elternhaus zuging, berichtete Kolping später selber so: "Meine Eltern waren stille ehrbare Leute, deren ganzes Vermögen in einer zahlreichen Familie bestand. ... Worauf aber meine Eltern mit emsiger Mühe und Sorge achtgaben, war die gute, katholische Erziehung der Kinder; dazu gehörte das tägliche Gebet, der Sonntagsgottesdienst und u.a. auch ganz selbstverständlich eine herzliche Marienverehrung, die dem jungen Adolf in Fleisch und Blut überging.

Noch nicht 13 Jahre alt begann A.K. in Kerpen die Schuhmacherlehre, weil der erwünschte Besuch eines Gymnasiums wegen fehlender Mittel des Elternhauses nicht zu verwirklichen war. Nach der Gesellenprüfung arbeitete er in verschiedenen Werkstätten der näheren Umgebung von Kerpen. Schließlich fand er eine Anstellung als Geselle in einer der führendsten und bekanntesten Schuhmacher-Werkstätten Kölns. Als dann der Schustergeselle A.K. in Köln immer mehr spürte, dass er über seinen erlernten Handwerksberuf hinaus seinem Leben tieferen Inhalt geben müsse, da ging er täglich zur Kölner Gnadenmutter, der "schwarzen Muttergottes in der Kupfergasse" in Köln, um sich da in viel Gebet Klarheit über seinen weiteren Lebensweg zu erbitten. Und tatsächlich rang er sich schließlich zur Klarheit durch: er müsse – koste es was es wolle - noch Priester werden, um als solcher den Handwerksgesellen in ihrer sozialen und sittlichen Not hilfreicher Führer sein zu können.

Auffallend ist im weiteren Leben des Gesellenvaters, dass er, der am 8. Dezember, dem Immaculatatag 1813 geborene, am 13. April 1845 in der Kölner Minoritenkirche, die dem Glaubenssatz von der Unbefleckten Empfängnis Mariens geweiht ist, zum Priester geweiht wurde. Er setzte sich als Priester immer tapfer für das Dogma der Unbefleckten Empfängnis Mariens ein und verteidigte dieses Dogma. Für die Errichtung einer Mariensäule in Köln aus Anlass der Verkündigung des Dogmas der Unbefleckten Empfängnis Mariens setzte sich A.K. gegen große Widerstände öffentlich vehement ein. Er scheute fast bis an sein Lebensende keine Mühen und keine Kosten für die Renovierung der Minoritenkirche in Köln, der ältesten Marienkirche nördlich der Alpen,, die dem Gedächtnis der Unbefleckten Empfängnis Mariens geweiht ist und in der der selige Johannes Duns Scotus, der klügste und theologisch gelehrteste Verteidiger dieses Dogmas im Mittelalter begraben liegt. Einmal sagte A.K.:"Wir haben aus der Hand Gottes eine unbefleckte Mutter erhalten, deren Fürbitte mächtig ist in allen Nöten der Christenheit (sicher auch in der Not des großen Priestermangels von heute)! Darum gehen wir auch getrost mit Gott an der Mutterhand Mariens in die Zukunft."

A.K. lenkte in seinen Predigten und in seinen Schriften die Aufmerksamkeit seiner Gesellen oft auf Maria als dem Urbild der Kirche: Maria sei von Gott erwählt worden, am Erlösungswerk ihres Sohnes mitzuwirken; und so, wie Maria Jesus Christus geholfen habe in seinem Erdenleben und besonders in seinem Erlösungswerk, so soll sie und will sie auch den Priestern und aktiven Laien helfen, apostolisch-missionarisch für die Kirche zu leben und zu wirken. Als theologisch überaus gebildeter, spätberufener Priester war der selige A.K. überzeugt: in Maria erleben wir beispielhaft die Urhaltung des Menschen vor Gott: das gläubige Sich-öffnen und demütig dankbare Empfangen der Gnade, die liebende Hingabe an Gott und des Sich-Gott-ganz-zur-Verfügung-stellen: In dieser marianischen Haltung können auch die Priester wie Maria zu Vermittlern von Gnaden werden im Gebet, in der Wort-Gottes-Verkündung und in der Sakramentenspendung. So haben es jedenfalls die beiden seligen Priester aus dem deutschen Sprachraum, der selige Rupert Mayer und der selige Adolf Kolping gehalten, der eine als Präses der Marianischen Männerkongregation in München, der andere als Gesellenvater in Köln und weit darüber hinaus in den Gesellenvereinen, die er gründete in Deutschland, Österreich und in anderen Ländern.

Abschließend möchte ich jetzt nochmals ganz kurz auf einen Priester hinweisen, der ebenfalls die Gnade des Priesterberufes Maria verdankt: ein italienischer Priester namens Giovanni Maria Mastai Ferretti, der ebenfalls bald seliggesprochen werden wird. (Er ist den meisten von euch besser als mit seinem italienischen Namen bekannt als der Immaculata-Papst Pius IX.)

In jungen Jahren hatte der Grafensohn Giovanni Maria Mastai Ferretti zwar ein wenig daran gedacht, Priester zu werden. Im reiferen Alter aber entschied er sich, die Offizierslaufbahn zu ergreifen und deswegen der päpstlichen Nobelgarde in Rom beizutreten.

Da traf ihn eines Abend auf der Straße ein entsetzlicher Unfall: er stürzte bewusstlos zu Boden und zuckte in epileptischen Krämpfen. Nun war seine Militärlaufbahn vernichtet. Papst Pius VII. nahm persönlich Anteil am Geschick des jungen Grafen. Dieser fiel dem Papst bei einer Privataudienz unter Tränen zu Füßen und klagte, dass jetzt seine Zukunft zerschlagen sei. Gütig legte der Papst dem jungen Grafen die Hand aufs Haupt und sagte:"Beruhige dich, mein Sohn, wir sind immer für etwas brauchbar, wenn wir den Willen Gottes erfüllen. Vertrau auf die Güte Gottes und vertrau auch auf das Herz jener Mutter, deren Namen du trägst und empfiehl dich ihrer mächtigen Hilfe." Diese Worte waren wie Balsam für den kranken Grafen. Er reiste nach der Papstaudienz sofort als frommer Pilger in das Marienheiligtum in Loreto.  Hier flehte er die Gottesmutter um Heilung von seiner Krankheit an. Dabei wurde ihm auch klar, dass er zum Priester berufen sei. Der wunderbar geheilte junge Graf Giovanni Maria Mastai Ferretti wurde Priester, wurde Bischof, wurde schließlich sogar Papst: Papst Pius IX.. Als solcher erwähnte er mehrmals dankbar seine Wallfahrt nach Loreto und bezeichnete diese marianische Gnadenstätte als den heilsbringenden Quell, woraus ihm die Gnade vollkommener Heilung von der Epilepsie und die noch größere Gnade der Berufung zum Priesterstand zugeflossen sei. Pius IX. ist schließlich am 8. Dezember 1854 zum dankbaren Verkünder des Gnadenprivilegs Mariens der unbefleckten Empfängnis geworden.

Maria, die Vermittlerin aller Gnaden, vor allem auch der Gnade des Priesterberufes! Rufen wir sie an und bitten wir sie inständig: Mutter, wir brauchen so notwendig gute seeleneifrige Priester. Vermittle sie uns durch deine Fürbitte am Throne Gottes und erweise dich als die gute Mutter der Priester, die diesen mütterlich hilft, in gläubiger Frömmigkeit und Reinheit festzuhalten am heiligen Beruf und viele ideal gesinnten jungen Menschen durch ihre Worte und ihre hilfreiche Tat und ihr Vorbild für den Priesterberuf zu gewinnen. Amen.