Maria Himmelfahrt und die Sinnbedeutung des menschlichen Leibes

gehalten in St. M. Loreto am 15.8.1984

 

Es sind 34 Jahre vergangen, seit Papst Pius XII. am 1.11.1950 die leibliche Aufnahme Mariens in den Himmel zum Glaubenssatz erhoben hat.

800.000 Menschen füllten damals den Petersplatz. Ich durfte damals dabei sein. Der Papst verkündete feierlich: Es ist ein von Gott geoffenbartes Dogma, dass die Unbefleckt Empfangene Gottesmutter und immerwährende Jungfrau Maria nach Vollendung ihres irdischen Lebenslaufes mit Seele UND Leib in die himmlische Herrlichkeit aufgenommen worden ist. In all den vergangenen Jahrhunderten war dieser kostbare Glaubenssatz gleichsam im Acker der Kirche verborgen gewesen. Nach fast 2000 Jahren wurde er endlich gehoben und ans helle Tageslicht gebracht.

Wie jedes Glaubensgeheimnis, so hat auch das Dogma der leiblichen Aufer­weckung Mariens seine gottgefügte Stunde für seine Verkündigung gehabt. Eine Glaubensweisung ist immer eine Lebensweisung, eine Glaubenswirklichkeit drängt immer nach Verwirklichung im Leben der Gläubigen. Und wirklich gab es damals im Jahre 1950 nichts Zeitgemäßeres und Lebenswichtigeres als eben das Dogma von der Osterherrlichkeit des Leibes Mariens. Die Verkündigung dieses Dogmas fiel damals in die Zeit unmittelbar nach dem II. Weltkrieg. Wenige Monate zuvor hatte die UNO die furchtbare Blut—Bilanz des II. Weltkriegs veröffentlicht: Während der I. Weltkrieg 6 Millionen Tote gekostet hatte, forderte der II. Weltkrieg 55 Millionen Menschenleben — die 35 Millionen Kriegsbeschädigten nicht eingerechnet.

Wenn also, was Gott verhüten möge, ein III. Weltkrieg ausbrechen sollte, dann werden etwa 500 Millionen Tote auf den Schlachtfeldern liegen und 350 Millionen Kriegsversehrte die überlebenden Zeugen eines vergangen Mordens sein.

Die Kriegsjahre 1939—1945 brachten ein Völkersterben, das jede bisherige geschichtliche Erfahrung in den Schatten stellte. Todesarten wurden er-litten, wie man sie bisher gar nicht gekannt hatte noch kennen konnte. Doch was hat diese grauenhafte Kriegsstatistik mit der Verkündigung des Dogmas von der leiblichen Aufnahme Mariens zu tun? Sehr viel sogar. Denn über diesen 55 Millionen zerfetzter, erstickter, ertrunkener, verkohlter erwürgter, erfrorener, gehängter und geschändeter Menschenleiber strahlt groß und herrlich der auferweckte Leib der Mutter des Erlösers und der Mutter aller Erlöster. — Am Himmel der Mitte unseres auslaufenden 20. Jahrhunderts hat Gott den auferweckten, verklärten und erhöhten Leib Mariens aufstrahlen lassen als göttlichen Protest gegen die Schändung, die unsere Menschheit des 20. Jahrhunderts am Leib des Menschen verschuldet hat. Über allem Irrsinn und Wahnsinn dieser grauenvollen Zerstörung richtete Gott am Bild de s verklärten Leibes Mariens den Ursinn und Endsinn des Menschenleibes auf: nicht bloß die menschliche Geistseele mit ihrer Unsterblichkeit ist unsagbar wertvoll, sondern auch der menschliche Leib; auch er ist keine bloße Sache, kein bloßes Material, das man wie Blei und Pulver verschießt, kein Menschenmaterial, das man rücksichtslos und verantwortungslos 'verheizt' und als Kanonenfutter preisgibt; der Leib des Menschen gehört zur menschlichen Person mit all ihrer Würde, er ist unersetzbar, kostbar und einmalig.

Nein, nicht zum Verelenden und Verenden, sondern zur Verherrlichung und zur glückseligen Vollendung ist auch der Leib des Menschen nach dem wunderbaren Schöpfungs- und Erlösungsplan Gottes bestimmt. Am Jüngsten Tag wird Gott bei der Auferstehung des Fleisches gutmachen, was die Menschen in allen Kriegen der Weltgeschichte am Menschenleib gefrevelt und verbrochen hat. Sicheres Unterpfand für diese unsere christliche Hoffnung voll Zuversicht und Gewissheit ist Christus, der Ersterstandene, und Maria, die Ersterweckte der Toten. Seit ihrer Auferweckung und leiblichen Erhöhung in die himmlische Herrlichkeit trägt Maria die Gnade des Jüngsten Tages bereits an ihrem Leib. Während unsere Leiber erst am Jüngsten Tag auferweckt werden, trägt Mariens Leib schon längst das strahlend verklärte Licht der Osterherrlichkeit an sich. Wie Mariens Seele bereits vor der Ankunft ihres göttlichen Sohnes das Gnadenleben in der Unbefleckten Empfängnis vorausgeschenkt bekam in der Voraussicht der Erlöserverdienste Jesu Christi, so bekam Mariens Leib bereits vor der Wiederkunft Christi am Jüngsten Tag die Auferstehungsgnade vorausgeschenkt.

Schade, dass es bisher noch kein wahrhaft großer Künstler gewagt hat, das entsetzlich-grandiose Bild zu malen: die Welt als ein einziges unabsehbares Leichenfeld, übersät mit Toten, Gefallenen, Ermordeten, Abgetriebenen… und darüber strahlend groß und leuchtend Maria und Christus, der neue Adam und die neue Eva, der Ersterstandene der Toten und die Ersterweckte aller Toten, Anfang und Wurzel der neuen, wiederweckten Menschheit, Anfang und Wurzel des uns angekündigten neuen Himmels und der neuen Erde!? Ja, über dem Unsinn und Wahnsinn und Widersinn des Mordens aller Zeiten hat Gott durch die Verkündigung des Glaubenssatzes von der schon verwirklichten österlichen Leibesherrlichkeit Mariens, der gebenedeiten unter den Frauen, den göttlichen Sinn jedes Sterbens und jedes Todes aufgerichtet: die Auferstehung des Fleisches!

Nun wissen wir, wo wir die Toten der vergangenen beiden Weltkriege und all unsere anderen Toten suchen müssen: bei Christus, dem Erstgeborenen aus den Toten, und bei Maria, der Ersterweckten aller Toten. Maria ist als die Mutter des Auferstandenen auch die Mutter aller Auferstehenden. Dass wir uns doch von Maria, der Ersterweckten aller Toten, trösten ließen wenn immer uns der Tod einen unserer Lieben entrissen hat! Wie viel österlicher und gläubiger würde unsere Marienverehrung, wenn wir uns das Geheimnis des Sterbens in ihrer Auferweckung enthüllen ließen! Trösterin der Betrübten ist ja Maria gerade deshalb, weil sie allein von allen Heiligen uns mit dem Hinweis auf die Stunde unserer künftigen Auferweckung trösten kann, mit dem Hinweis auf jene selige Stunde, da Gott abwischen wird jede Träne aus unseren Augen, wo der Tod nicht mehr sein wird noch Trauer noch Klage noch Schmerz, weil das Alte, die erste Schöpfung vergangen ist, und das Neue, die zweite Schöpfung begonnen hat, um nie mehr zu enden.

So soll denn der heutige Mariä-Himmelfahrtstag - ich möchte ihn den Ostertag Unserer Lieben Frau nennen - unseren Glauben an die kommende Auferstehung wie eine helle Flamme entfachen und entzünden.

Das ist der göttliche Sinn aller Leiblichkeit und allen menschlichen Fleisches; es ist nicht bestimmt für immer und ewig Staub und Asche und nichts (Pulvis, cinis, nihil, wie es auf der Grabplatte des Kapuziner-Kardinals Barberini in der Kapuzinergruft in Rom zu lesen ist) zu sein und zu bleiben. Nein, auch der Leib des Menschen ist zu ewiger Herrlichkeit bestimmt in der Auferweckung, wie sie Mariens Leib schon zuteil geworden ist.

So ist das unsere Bestimmung: Ruhelos wandern unsere Füße, bis sie dereinst ihre erlöste verklärte Leiblichkeit erwandert haben. Zitternd tasten unsere Hände, bis sie einmal, aus dem Staub wieder erstanden, sich in Jesu Wunden legen dürfen! Weinend schauen unsere Augen aus, bis sie einmal das Antlitz Gottes in den Blick bekommen! Ungestillt lauschen unsere Ohren, bis sie dereinst das ewige Lied vernehmen! Zeitlebens hungern unsere Herzen nach Liebe, bis sie einmal auferweckt am Herzen Gottes ruhen dürfen. Amen.

(nach L. Kurz, Maria im Festkreis des Kirchenjahres St. Augustin 1982)