MARIA -Bild und Bildnerin des neuen Menschen

 

Die Fastenzeit ist Erneuerungszeit: Der Mensch soll sich erneuern an Leib und Seele. Erneuerung des Leibes: Das Fasten und sein tiefer Sinn. Heute kommt man wieder mehr dahinter. Denken Sie an die verschiedenen Entschlackungskuren, die empfohlen werden.- Erneuerung der Seele: Bußgesinnung, Metanoia, Umdenken, Umkehr. - Das Ziel ist der neue, der erneuerte, der österliche Mensch!

Was die Fastenzeit uns in den 40 Tagen sagt, fasst der Quatember in der Fastenzeit in komprimierter Form gleichsam zusammen: Das Fasten sollte in diesen Tagen noch strenger genommen werden, die innere Umkehr und seelische Erneuerung im rechten Bußgeist sollte noch stärker betont werden, und das Ziel: der österliche Mensch, wie er in der Verklärung Christi vor uns steht , sollte noch bewusster erstrebt werden.

Erneuerung des Menschen, darum geht es also! Vielleicht beachten wir dabei einmal auch die Stationskirchen, in die uns die Liturgie in diesen Quatembertagen führt: S. Maria Maggiore, die größte und älteste Marienkirche der Welt, das Marienheiligtum kath éxochén ist die Stationskirche an allen vier Quatembermittwochen des Jahres. Hat Maria uns etwa Wichtiges zu sagen für die Erneuerung des Menschen, für die Formung des neuen Menschen? Ihr Vorbild und ihre Fürbitte und ihr mütterlicher Schutz soll uns weiterführen... Wohin? Nun, die Stationskirche des Quatemberfreitags ist die Zwölfapostelkirche in Rom. Soll unsere Erneuerung etwa dieses Zwischenziel haben, uns zu Apostel zu machen, damit durch uns auch andere sich erneuern? Der Quatembersamstag hat immer seine Stationskirche in St. Peter in Rom, am Grab des Stellvertreters Christi. Am Grab des Petrus halten wir Nachtwache und erleben mit Petrus in dieser Nacht die Verklärung des Herrn, dieses vorausgenommene Ostern: Der österliche, der verklärte Mensch, das Ziel der Erneuerung in der Fastenzeit!

Halten wir diese paar Gedanken fest, dann wird Ihnen das, was ich Ihnen heute zur Quatemberbesinnung vorlegen möchte, nicht willkürlich und unliturgisch vorkommen, sondern ganz und gar dem Ziel der Liturgie in diesen Fasten-Quatembertagen entsprechend: Maria – Bild und Bildnerin des neuen Menschen.

Die Sehnsucht unserer Zeit geht nach dem neuen Menschen. Ein ehrliches Suchen nach ihm ist nicht zu verkennen. Die Ideale einer Zeit könnte man aus den Zeitphilosophien, aus den Kunstformen, aus der Literatur, aus den bevorzugten Berufsidealen der Jugend, aus den Hauptinteressen bei der Erholung, aus der Mode und manchem anderen erschließen. Welches Menschheitsideal trägt wohl unsere Zeit in sich? Klammern wir das Negative, das sich bei einer Zeitbettrachtung zunächst aufdrängt, einmal aus. Denken wir also einmal nicht an das Verwaschene, Stumpfe, Oberflächliche, Ziellose in der personalen Haltung, an das hemmungslose Genußleben usw., eben an all das, was in einer reifen Zivilisationswelt als Dekadenzerscheinung auftritt. Beachten wir einmal auch nicht das Schwärmen für die "infantilen Größen" des Gigantischen, Sensationellen, etwa im übertriebenen Sport usw.- all das hat ja seine Parallelen in jeder hochgezüchteten Zivilisation und ein Großteil der Menschen ist ihm zu allen Zeiten verfallen. - Aber eine Zeit kann ja nicht nur aus dem Negativen heraus existieren, auch Positives muss in ihr sein. Und da ist es schon auffallend, wie das Menschenbild unserer Zeit vom Religiösen her gesehen in Maria gipfelt. Es ist das nicht eine von der Kirche den Christen aufoktroyierte Angelegenheit, nein, es liegt das ganz im Zug der Zeit und das marianische Jahr kommt uns dabei nur in besonderer Weise zu Hilfe, um den neuen Menschen, nach dem sich unsere Zeit sehnt, in Maria zu erkennen. Denn hier haben wir den Menschen vor uns, der in sich verwirklicht, wonach sich unsere Zeit sehnt: Freiheit, Größe, Macht.

Romano Guardini sprach auf dem Berliner Katholikentag 1952 darüber, dass die Irrlehre unserer Zeit die Irrlehre vom Menschen sei, er stellte dabei sechs Menschenbilder heraus und prägte die Formulierungen: "Nur wer Gott kennt, kennt auch den Menschen." Und: "Ohne Gott wird jeder Mensch zum Untier, ohne Gott wird jeder Staat zur Tyrannei."

Vor allem sind es drei falsche Menschenbilder, die unsere Zeit vor uns hinstellte:

1. der bolschewistisch-kollektivistische Mensch: Der Mensch GEGEN Gott! Offener Gegner jeder Religion, die als "etwas der Wissenschaft Entgegengesetztes" abgetan wird (Stalin)." Wir werden den Kampf gegen den religiösen Nebel führen mit wissenschaftlichen Mitteln" (Lenin). Darum "ist für den Kommunisten die Religion keine Privatsache. Jeder Kommunist muss vielmehr ein aktiver Kämpfer sein gegen die Religion" (Neue sowjetische Enzyklopädie). In diesem System ist für Gott und Religion, aber auch für wahres Menschentum, für echte menschliche Freiheit und Größe kein Platz. "Freiheit ist ein bürgerliches Vorurteil" (Lenin). Totalitarismus braucht die Gottlosigkeit. Diktatur kann auf die Dauer nur bestehen auf dem Sklavenrücken gottloser, entpersönlichter Menschenmassen.

2. der sozialistisch-liberalistische Mensch: Der Mensch OHNE Gott!

Er duldet, er toleriert - großzügig wie er ist - Gott und die Religion, glaubt aber, selbst ohne Gott und ohne Religion auszukommen. Freimaurerei. Deismus. Säkularisierter Mensch. Religion ist Privatsache. Versteckter Feind der Religion. Oft gefährlicher als der offene, ehrliche Feind. Mensch der falschen Wertordnung: Gott nicht über allem, sondern so nebenbei. Gleichwertigkeit von Kirche und Kino. Der nivellierte Mensch, gegen den es immer wieder eine Entnivellierung bräuchte (nicht bloß auf dem Gebiet von Lohn und Steuer). Der hedonistische Spießer.

3. Der nationalistisch-liberalistische Mensch: Er ist nicht der Mensch gegen Gott, nicht der Mensch ohne Gott, er ist der Mensch "mit Gott", versteht dieses "Mit Gott" aber nur im Sinne von "Gott mit uns". Er lässt Gott und Religion nicht nur gelten. Er nimmt beide in seinen Dienst, in den Dienst seiner Partei und des Staates, in den Dienst seiner Person und seines Unternehmens. So wandelt sich ihm die Religion aus einer "Privatsache" zur "Herzenssache", zur Sache seines persönlichen oder kollektiven Nutzens. Ein Priester kann zehn Polizisten ersparen, ein Gotteshaus zehn Gefängnisse. Darum "muss dem Volke die Religion erhalten bleiben", für die oberen Zehntausend aber ist Religion überflüssig. Religion wird hier zum Staatsbüttel und zum Ersatz für den Polizeiknüppel. Sie schafft gehorsame Untertanen und geduldige Arbeitssklaven. "Mit Gott für Kaiser und Vaterland". Ja, seien wir ehrlich, das wär das Gottesbild und das Menschenbild weithin auch bei uns im lange nachwirkenden Josephinismus und ist es heute in dem bürgerlich gewordenen Sozialismus: Man macht Gott zum Geschäft. Man macht Gott zum Erziehungsinstrument: Selbst religionslose Väter wünschen religiöse Erziehung ihrer Kinder, "damit die Kinder besser folgen". Gott wird zum Stiefelknecht. Er muss helfen, die persönlichen und die kollektiven Wünsche der einzelnen und der Völker zu erfüllen. Weiter reicht vielfach der Gottesglaube nicht mehr. Solche "Gott-Gläubige" bringen die Religion in Verruf.

Die richtige Schau des Menschen ist nur dann gegeben, wenn der Mensch von Gott her und zu Gott hin gesehen wird. Der neue Mensch ist nicht der in sich selbst, sondern der in Gott ruhende Mensch, der Mensch für Gott. Nur er ist auch ein Mensch für den Menschen. "Ohne Religion werden wir alle zu Egoisten" hat Bischof Kettelner gesagt, und hier setzt nun das ein, was wir den marianischen Menschen nennen könnten: Maria hat uns den richtigen Menschen vorgelebt. Sie ist der Mensch, der sich nicht in seine kleinwinzige Wichtigkeit und Nichtigkeit abkapselt, sondern der sich aufschließt im Wissen um seine Herkunft von Gott und um seine Bestimmung für Gott.

Maria Immaculata, gratia plena: Der neue Mensch ist der Mensch aus Natur und Gnade und beides ist Geschenk Gottes. Der ganz natürliche und der ganz übernatürliche Mensch, der Mensch des Diesseits und des Jenseits, das ist Maria in ihrem Sein. Nicht der weltsüchtige, nicht der weltflüchtige, sondern der welttüchtige Mensch, der mithilft an der Heimholung der Welt zu Gott, das ist der Mensch, wie er sein sollte. Und Maria war ein solcher Mensch: Der Mensch, der nie in Unordnung kam durch die Sünde, der Mensch, der immer in Ordnung blieb durch die Gnade, der Mensch, der in allem die rechte Wertordnung wahrt: Das ist die Immaculata, die zu uns mit Paulus (1 Kor 15,10) spricht: "Durch die Gnade Gottes bin ich, was ich bin!"

Und das, was Maria in ihrem Sein ist, das zeigt sie dann in ihrem Leben: "Siehe, ich bin eine Magd des Herrn": Der neue Mensch ein dienender Mensch, der das Herrentum Gottes anerkennt: Serviam, ich diene! Und dieses Dienen zeigte Maria im Alltag zu Nazareth, wie in den außergewöhnlichen Situationen, wo das rechte Menschsein auf die Probe gestellt war in furchtbarer Weise: Armut zu Bethlehem, Flüchtlingsschicksal in Ägypten, Kreuz und Leid auf Golgotha. Ja, im letzten heißt dann Mensch sein Kreuzträger sein, weil auch dann noch Ernst gemacht werden muss mit dem Gottesdienst, wo der Mensch an ausweglose Kreuzwege gestellt wird. Dafür kommt dann aber - bei bestandener Probe- die Verklärung, die Verherrlichung: Wo aus der Addolorata, aus der Schmerzensmutter die Assumpta wird: Der verklärte Mensch dem Leibe nach: Maria, im voraus erlöst und im voraus auferstanden und hineingenommen in die Herrlichkeit Gottes, nicht mehr bloß durch die Gnade, sondern nun enthüllt, von Angesicht zu Angesicht. Und was hier von Maria gilt, wäre auch der übrigen Menschen Bestimmung: "Jetzt sind wir Kinder Gottes, noch ist es nicht offenbar, was wir sein werden" (1 Joh 3,2). Wir sind unterwegs. Pilger, Fremdlinge, Heimkehrer, Wanderer zwischen zwei Welten. "Wir haben hier keine bleibende Stätte, wir suchen die zukünftige..." (Hebr 13,14). "In meines Vaters Haus sind viele Wohnungen" (Joh 14,2). Das Menschenleben - eine Brücke vom Diesseits ins Jenseits. Und das gilt sogar vom Leib. Er wird auferstehen. Nicht Leibvergötzung, nicht Leibverachtung. Sondern katholische Leibeskultur, insofern der ganze Mensch mit Seele und Leib aus der Begrenztheit und Beengtheit ins wahrhaft Große hinaufgehoben werden soll.

Freiwerden von allen Grenzen. Ist dies nicht dem heutigen Traum vom neuen Menschen ganz besonders eigen? Wo sich dem Blick des Menschen solche unendliche Weiten darbieten, wie noch nie in früheren Zeiten. In welch enger und umhegter Welt lebte noch das Mittelalter. Über der festgegründeten Erdscheibe wölbte sich das bergende Himmelsgewölbe. Heute durchforscht der menschliche Blick die Bahnen der Milchstraßensysteme. Fühlte noch die Generation vor uns ein Erschrecken über die "Verlorenheit" der kleinen Erde in der eiskalten, fast leeren Raumwüste, so beginnt man nunmehr mit diesen Weiten sich abzufinden. Ja, man spürt den Triumph des Geistes, der dies alles zu durchforschen vermag. Mit einem stolzen Lächeln versucht uns die Wissenschaft, den Weltradius nach Zentimetergröße anzugeben (2,5x1028) und das Gewicht der Weltmasse nach Gramm(1,3x1055) zu berechnen. So etwas wie ein Überlegenheitsgefühl gegenüber dem Prunken der Natur, den gewaltigen Maßen und ungeheuren Entfernungen keimt im Menschen auf. Die Erde ist für den Menschen klein geworden. Er träumt von Weltraumschiffen. Wie er mit seinen Fernrohren das engumgrenzende Himmelsgewölbe gleichsam durchstoßen hat, so will er in einem schwungvollen Anlauf alle Grenzen durchbrechen. Die Philosophie schwärmt schon lange vom Übermenschen. Man sieht in den Wegweisern, die die Menschheit bisher leiteten, nur Grenzpfähle von Illusionen. Weg mit diesen Grenzen! Dem Menschen ist kein Lebenssinn vorgegeben. Als eigener Gott soll er sich den Sinn seines Daseins erst selbst geben. Man will nicht die Grenzen vorgegebener Gebote, sondern traut es sich zu, eine selbstherrliche Ethik erreichen zu können. Das Bild des kosmischen, selbstherrlichen, göttlichen Menschen, der in kraftvoller Selbstbestimmung das Dasein meistert, ist das nicht das Ideal gar mancher? Und kann es nicht gerade der Christ, der da weiß, dass der Mensch nach dem Ebenbild des grenzenlosen, des unendlichen Gottes geschaffen ist, in gewissem Sinne bejahen? Die Kirche stellt uns in Maria, der Makellosen, das Bild des "vergöttlichten" des "kosmischen" Menschen vor die Seele. Die Künstler zeichnen die Unbefleckte nicht umsonst als die apokalyptische Frau, die die Mondsichel zu Füßen hat, die mit der Sonne bekleidet und mit Sternen gekrönt ist. Maria ist der Mensch, der alle Grenzen des Menschlichen abgestreift hat und mit Sternen gekrönt ist. Maria ist der Mensch, der alle Grenzen des Menschlichen abgestreift hat und nach dem Dogma von der Assumptio mit Seele und Leib in die Herrlichkeit des Unendlichen eingegangen ist. - Aber gerade das Bild Mariens weist klar darauf hin, dass der Anfang aller "kosmischen" Weite nicht erobert wird, sondern geschenkt werden muss. Nur weil sie im Anfang auserwählt ist, weil ihr die Grenzen - besonders die beengendste Grenze der sündhaften Unordnung, der Erbsünde, abgenommen wurde - , kann sie der "Übermensch" schlechthin - richtig verstanden - werden. Solange der Mensch von sich aus das Ich zu weiten sucht, wachsen mit der eigenen Größe auch immer die Fesseln mit.

Katholische Glaubensüberzeugung lehnt das moderne Idealbild vom kosmischen Menschen also nicht ab, weist aber das rechte Ziel und den Weg dazu im Marienbild. Nicht der Eva-Weg, da der Mensch die Hand nach dem Göttlichen selbst ausstreckt, ist der mögliche Weg, sondern der Marien-Weg, den die Gnade begründet und den der Mensch in demütigem, dienendem Gehorsam geht nach dem Vorbild der Magd Gottes: Sie allein weist den Weg aus der Enge in die Weite, aus der Sünde in die Verklärung, aus der Unordnung und Schwäche in die Ordnung Gottes und in die wahre Größe....

Dort wird dann das Weitere sinnvoll erfüllt, wonach der Mensch heute strebt: Macht! Es ist wahr, - jetzt vom Politischen ganz abgesehen - der Mensch sucht heute sehnsüchtig nach Macht: Die Technik interessiert den Menschen nicht nur, weil sie verspricht, das Leben leichter zu machen, sondern weil sie ihm Macht in die Hand gibt. Die Atomkraft erschreckt nicht nur den Menschen, sondern gibt ihm auch rauschvolle Phantasien ein: Nun werde die Zeit kommen, da er nach seinem Willen den Erdball gestaltet und vielleicht einmal sogar die Gestirne bewegt! Weil der moderne Mensch nach Macht verlangt, darum wendet er sich so gern technischen Berufen zu. Darum interessiert er sich auch für Psychologie. Bücher, die Anleitungen zur Beherrschung des eigenen Seelenlebens geben und die Techniken zur Beeinflussung der Mitmenschen enthalten, finden viele aufmerksame Leser. Der Mensch müsste nicht Abbild des Allmächtigen sein, wenn er nicht immer nach Macht gestrebt hätte. Aber erst in unseren Tagen scheint er wirklich die Mittel zu unumschränkter Macht in die Hand zu bekommen. So ist es nicht zu verwundern, wenn die Jagd nach unumschränkter Macht die moderne Welt weithin kennzeichnet. Und wir können sagen: Auch hier steht das christliche Ideal nicht etwa dem Zeitempfinden entgegen, es enthält nicht bloß die Lehre vom Entsagen, vom Verzichten und vom Kreuz. Es geht auch im Christentum um letzte Aufgipfelung von Macht, wenn es vom Christus im Kol 1,17 heißt: "Alles ist durch Ihn und auf Ihn hin erschaffen. Er steht an der Spitze des Alls". - Im Bilde der Unbefleckten Empfängnis wird uns auch das Ideal der Macht geschildert, denn gerade im Zusammenhang mit diesem Gnadenvorzug Mariens kann man sie die Königin des Himmels nennen: Maria ist nicht nur der "kosmische" Mensch, der ins Unendliche hineingehoben ist, sie ist auch der mächtigste Mensch; wie sie mit ihrem demütigen Fiat mihi das Größte vermochte, nämlich Gott auf die Erde herabzuziehen im Geheimnis der Menschwerdung, so vermag sie in ihrer Liebe Höchstes, weil ihrer liebenden Fürbitte Gott gleichsam nicht widerstehen kann. Kein Mensch vermag so viel wie sie, aber sie regiert nicht, um im Selbstgenuss der eigenen Wirkmöglichkeiten zu schwelgen, sondern um mütterlich zu sorgen und aus der Überfülle zu spenden als die Mutter der Gnade.

Sie vermag durch ihr Vorbild, durch ihre Fürbitte, durch ihre Mütterlichkeit die Umwandlung unserer selbst zum neuen Menschen herbeizuführen, bis auch aus uns das geworden ist, was sie war: Der Mensch der Ordnung, der Weite, der Größe, der Macht, der begnadete Mensch, der Mensch der Gnade, der aus dem Dunkel der Sünde herausgehobene und in die österliche Verklärung hineingehobene Mensch.

Darf ich noch kurz zeigen, wie ich mir diese Gedanken über Maria als Bild und Bildnerin des neuen Menschen hineingestellt denke in die Liturgie der Fastenzeit des marianischen Jahres?

Ich greife nur kurz die Liturgie der Fastensonntage heraus:

1. Fastensonntag: Die Macht des Bösen: Es gibt eine solche Macht; sie wagt sich sogar an den Gottmenschen heran, in heuchlerischer Verstellung, in diplomatischer Schlauheit, in großmütiger Freigebigkeit: "Dies alles will ich dir geben, wenn du niederfällst und mich anbetest..." Die Macht des Bösen ist da. Rechnen wir Menschen dieser Zeit noch mit dieser Macht? Sie ist da im Leben der Völker und des Einzelmenschen. Sie ist da, wo es um Christus geht in einem Volk, in einer Zeit, in einem Menschenleben, in einer Stunde, wo Entscheidungen fallen. Sie steht hinter der täglichen Versuchung zur Genusssucht, Habsucht, Herrschsucht im Leben der Völker und der Menschen: "Ihr werdet sein wie Gott!"- Der neue Mensch?! Nein, nicht so. Das Marianische Jahr stellt die Immaculata vor uns hin, die Schlangenzertreterin, an der der Teufel keinen Teil hat, die Mutter und Gefährtin dessen, der in die Welt kam, um die Macht der Hölle zu brechen und den Menschen zur wahren Größe zurückzuführen, zur wahren Freiheit: Der Mensch der Gnade, der begnadete Mensch! Wie Maria!

2. Fastensonntag: Verklärung Christi, Verklärung Mariens in ihrer Unbefleckten Empfängnis. Sie, die ganz aus unserer Mitte genommen ist, hilft uns das Credo zu beten, das Credo an unsere Berufung zur Verklärung. Die Gottesmutter will uns in diesem Jahr aus der Enge der Verdiesseitigung unseres Lebens herausführen, will uns Höhenwege führen zu wahrer Größe, will uns den Sinn für die Welt der Gnade öffnen....

3. Fastensonntag: Verklärung ist Sündelosigkeit. Christus ist im Sonntagsevangelium von der Hölle umringt, von Menschen, von denen der Teufel Besitz ergriffen hat. Er treibt ihn aus. Dafür umbrandet Ihn, den Herrn, erst recht das Böse, die Sünde, der Hass und die Verleumdung der Juden: In Beelzebub, den obersten der Teufel, treibt er die Teufel aus. Aber an Ihm hat der Böse und das Böse keinen Teil. Licht strahlt seine Gestalt. Er kämpft gegen die Sünde in der Auseinandersetzung mit den Juden. Er überwindet den Teufel. Und dann folgt aus der Gläubigkeit des Volkes heraus der Hinweis auf sie, die Mutter dieses ganz Sündelosen und Reinen: „Selig der Leib...", Christus nimmt diese Seligpreisung seiner Mutter auf: ja, sie hat vor allem das Wort Gottes gehört und befolgt und ist so zu dieser wahren Größe gelangt, dass sie darob selig gepriesen werden kann. Ja, selig, die das Wort Gottes hören und es befolgen, wie sie! Aufschauen zu ihr, zu ihrem Vorbild, zu ihrer Größe und Freiheit, um selbst zu wahrer Größe und Freiheit zu gelangen, um Sieger zu werden über das Niedrige und Gemeine, über den Bösen und das Böse, die Sünde. Bitte für uns arme Sünder... Ein feines Empfinden für die Größe des Menschen in der Gnade, ein klares Wissen aber auch um die Sünde und das, was sie uns raubt, möge sie uns erbitten. Das wird dann die rechte Marienverehrung, wie Pius X. einmal sagte: "Davon möge jeder überzeugt sein: wenn die Andacht zur allerseligsten Jungfrau nicht von der Sünde abhält und nicht zum Entschluss führt, die bösen Gewohnheiten abzulegen, ist es eine trügerische Andacht!"

4.Fastensonntag: Das neue Brot für den neuen Menschen. Zuerst mit dem Herrn in die Einsamkeit gehen. Zurücklassen vom bisherigen Leben, was verkehrt, was böse Gelegenheit war; was wieder Gefahr für den Glauben, für die Tugend, für den guten Willen würde. Und ein betender Mensch werden. Das marianische Jahr ein Jahr des Gebetes! Auf Christi Wort lauschen: Christ ist, wer auf Christus hört! Das gehört zur Erneuerung des Menschen dazu, dass wir nicht mehr so viel auf die andern, auf die Menschen und ihre Schlagworte, auf die Mode, usw. hören, sondern auf ihn. - Und dann sein Brot essen. Es gilt nicht nur: Christ ist, wer auf Christus hört; sondern auch: Christ ist, wer in Christus lebt! Letzter Sinn des eucharistischen Brotes: „Wer mein Fleisch isst...der bleibt in mir und ich in ihm! Und da ist uns Maria wieder herrliches Vorbild: Von der Sonne umkleidet, von Christus. Christus ist ihr Leben.

5. Passionssonntag: Das Kreuz verhüllt, damit wie es wieder sehen. DEN sehen der am Kreuze hängt, seine Erlösungstat wieder sehen.... Am herrlichsten hat sie sich ausgewirkt in ihr, der Immaculata, der Erst- und Vollerlösten. Auch an uns will sie sich herrlich erweisen, auch uns will sie führen zu wahrer Größe, zu wahrer Freiheit, zum neuen Menschen. Sprechen wir das Credo an die Erlösbarkeit des Menschen: Die Schuld der ganzen Menschheit hat Er auf sich genommen und in seinem Leiden und Sterben am Kreuz gesühnt. Sie aber ging ihm den Kreuzweg nach und stand dann unter dem Kreuze. Mit der Mutter Jesu im Marianischen Jahr unters Kreuz treten. Den Kreuzweg beten und den Kreuzweg gehen.... Das führt uns hin zur österlichen Verklärung.... Regina coeli, laetare! Mariens Ostersieg soll der unsere werden. Bitt Gott für uns, Maria, du, die du den vollen Sieg über die Sünde und den Tod mit Christus deinem Sohn schon errungen hast und so der neue Mensch geworden bist in wahrer Größe, in wahrer Freiheit, in wahrer Macht, in der Macht der Gnade und der Liebe.

Darf ich schließen mit dem recht unliturgischen Hinweis auf den 13. (13. März)

In einer Schrift über Fatima weist Prof .Dr. Konrad Algermissen darauf hin, dass die Erscheinungen von Fatima zeitlich genau zusammenfallen mit der Errichtung des kommunistisch-bolschewistischen Systems in Russland. Die erste Erscheinung Mariens in Fatima war am 13. Mai 1917, die letzte am 13. Oktober. Anfang Mai 1917 durfte Lenin mit Genehmigung der deutschen Heeresleitung die Schweiz verlassen und über Deutschland nach Russland zurückkehren, wo er dann, nach gründlichen Vorbereitungen in der Oktoberrevolution den Bolschewismus zum Siege führte. Ist es ein Zufall, dass zur gleichen Zeit zwei so entgegengesetzte Ereignisse sich vollzogen im äußersten Nordosten und im äußersten Südwesten Europas?

Die Kirche betet an den Marienfesten in der Liturgie: "Freue dich, Jungfrau Maria, einzig du hast alle Irrlehren überwunden auf dem weiten Erdenrund."

Dieses auf den ersten Blick seltsam anmutende Wort hat eine ganz tiefe Bedeutung, gerade wenn wir an den Kampf um das wahre Menschenbild denken. Maria hat das Leben ihres Sohnes mit ihrer mütterlichen Sorge und ihrem Gebet und Opfer begleitet von der Krippe bis zum Kreuz, um den Erlöser der Menschheit durch das Dunkel des Leidens in das Licht der Verklärung im Osterjubel zu führen. Es ist selbstverständlich, daß es Maria nicht gleichgültig sein konnte, wie sich das Werk ihres Sohnes, sein Erlösungswerk und sein Reich hier auf Erden, fortentwicklelte. Darum finden wir Maria im Kreise der Apostel bei der Gründung der Kirche am Pfingstfeste, darum begleitet sie zu ihren Lebzeiten nach alter Tradition die Missionsarbeit der Urkirche mit ihrer Anteilnahme und mit ihrem mütterlichen Segen und wird so zur Königin der Apostel. Wie kann es dann aber auch anders sein, als dass sie, die in den Himmel Aufgenommene, die Königin des Himmels, die Schlangenzertreterin, nunmehr vom Himmel aus sich einsetzt für das Reich ihres Sohnes in den Auseinandersetzungen mit den Mächten des Unglaubens und Irrglaubens? Maria ist die mächtige Herrin und Siegerin in den Verfolgungen und Kämpfen der Kirche. So schaut sie Johannes, der Seher von Patmos, in der GehOffb 12, 1-5 als die Gegnerin des Drachens, der sie nicht überwältigen kann.

An Maria scheiden sich die Geister. Diese theologische Überzeugung findet manche Bestätigung in der Geschichte der Kirche im Ringen um die verschiedenen Glaubenswahrheiten, auch im Ringen um das wahre Menschenbild.

Das 19. Und 20.Jahrhundert stehen im Zeichen der Auseinandersetzungen um das wahre Menschenbild. Alle modernen Zeitströmungen, die sich widerspiegeln in den Weltanschauungen des Liberalismus, des Nationalsozialismus, des Bolschewismus, haben gemeinsam, dass sie die Natur überbewerten und dass sie dem Menschen ein rein innerweltliches Ziel stecken, statt ihn zur wahren Größe nach der er sich sehnt und für die er bestimmt ist, gelangen zu lassen.

Abgrenzung und Abkapselung des Menschen in seine Natur, die als unverdorben und gut hingestellt wird und die nur entfaltet werden müsse, um den Menschen zum Adel des Vollmenschen, des Übermenschen, des Klassenmenschen zu entwickeln.

Da tritt Maria auf den Plan als die unbefleckt Empfangene, als die Gnadenvolle, als die in den Himmel aufgenommene. Sie erscheint in den Dogmen der Kirche von 1854 und 1950, sie erscheint in Lourdes und Fatima. Und an ihrem Bild soll die Menschheit erkennen, dass im Gegensatz zu den falschen Menschenbildern des Liberalismus, Nationalsozialismus und Bolschewismus der Mensch ganz und gar der Gnade bedarf, um über sich und seine Begrenztheit zu wahrer Größe hinauszuwachsen, dass die Natur des Menschen, die durch die Erbsünde gebrochen ist, allein nicht ausreicht, das volle Menschsein zu verwirklichen, und dass das Ziel des Menschen und seine letzte Vollendung nicht in dieser Welt, sondern in der anderen liegt, in die auch dem Leibe nach Maria uns vorausgegangen ist. Der Liberalismus formt ein Menschenbild, in dem für Gott kein Platz ist. Der Kollektivismus entpersönlicht den Menschen und sieht in ihm nur das Klassen- und Massenwesen. Demgegenüber steht Maria vor uns in ihrer wunderbaren Personwürde, die begründet ist in ihrem Verhältnis zu Gott. Dieses Verhältnis besteht in einer echten Unterordnung dem gegenüber, dem zu dienen erst wahrhaft herrschen ist: "Siehe, ich bin die Magd des Herrn". Und dieses Verhältnis zu Gott besteht in einer Gottebenbildlichkeit, in der ja die Einmaligkeit, Unverletzlichkeit und Unersetzlichkeit jedes einzelnen Menschen begründet ist.

Wir sollten nicht vergessen, welche Früchte die modernen Weltanschauungen gezeitigt haben: Die Entwürdigung des Menschen in der Zeit des herrschenden Liberalismus und des NS, vor allem aber seine Knechtung und Missachtung im Kollektivismus des Ostens....

Natur, Technik, Fortschritt, das sind die Schlagworte, an die der Mensch glaubt. Aber als solche heben sie den Menschen nicht auf ein höheres Niveau sondern zerren ihn eher in die Tiefe, ja, sie geben ungeheure Möglichkeiten der Vernichtung, der Unterdrückung, der Demoralisierung des Menschen... Darum bedürfen sie umso mehr der Erlösung durch die Gnade von oben und der Anerkennung des göttlichen Willens, die uns beide so wunderbar in Maria vor Augen gestellt werden.

So wird sich wie in früheren Zeiten auch in unserer Zeit der Kampf der Geister und das Menschenbild an Maria entscheiden.

Und die Kirche wird in diesem Kampf so weit siegen, als Maria siegt, d.h. als das von ihr verkörperte Menschenbild in der Weit Anerkennung findet.